Die große Flatter
erschienen in SÜDDEUTSCHE ZEITUNG MAGAZIN – 21. Mai 2026
Lamine Yamal versuchte, das Tor zu treffen. Er dribbelte durch die Gegner, zielte, schoss. Aber der Ball flog vorbei. Immer wieder. Dieses geleakte Video aus Werbe-Dreharbeiten für einen Limonadenhersteller löste Ende 2025 einige Diskussionen aus. Es ging um den Ball für die Weltmeisterschaft. Das Modell »Trionda« von Adidas. Der Ball flattert wohl wieder.
Für den Hersteller Adidas wäre das ein Fiasko – eines, das sie dort nur zu gut kennen. Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika diskutierten Trainer, Spieler und Publikum über den Ball. Der »Jabulani« wurde von Adidas damit beworben, der rundeste Ball zu sein, seitdem es Fußbälle gab. Aber er war zu rund.
Früher wurden Fußbälle aus 32 Paneelen zusammengenäht. Zwölf Fünfecken, 20 Sechsecken. Für den Jabulani verwendete Adidas nur acht Paneele. Wegen dieser Veränderung konnten viele Spieler und Torhüter den Ball kaum kontrollieren. Lionel Messi spielte furchtbar mit dem Jabulani. Er schoss bei jener WM in Südafrika 13 Mal aufs Tor. Getroffen hat er nie. Wird das bei seiner letzten Weltmeisterschaft wieder so sein? Es gibt Menschen, die das glauben. Denn der Trionda hat sogar nur vier Paneele. Noch mal vier weniger als der Jabulani. Hat Adidas wieder einen unberechenbaren Ball gebaut? …
Lustwandern
erschienen in DIE ZEIT– 30. April 2026
Wir saßen in einem Fischrestaurant in Busan, als wir eine dort lebende Freundin fragten, ob sie wüsste, warum die Südkoreaner so gern wanderten.
»Wegen Sex!«, rief sie.
Ungläubig schüttelten wir die Köpfe. Südkorea, das Land der perfekt inszenierten Oberflächen, war uns bislang nicht gerade durch besondere sexuelle Offenheit aufgefallen. Wandernde Swinger, die Sex am Wegesrand hatten?
»Doch, doch«, sagte unsere Freundin und tunkte ein Stück Sashimi in Sojasoße. »Auf südkoreanischen Wanderwegen wird viel gevögelt.«
Jedenfalls sei das, erzählte sie weiter, ein Gerücht, das sich seit Jahren halte. Wandernsei für viele verheiratete Südkoreaner eine Art analoges Seitensprung-Tinder. Man träfe sich an der Talstation, ginge auf den Berg und habe Sex. Ehebruch galt in Südkorea lange als Straftat. Vielleicht, sagte unsere Freundin, habe man deshalb gelernt, kreativ zu werden.
Wandern ist südkoreanischer Volkssport. Das Land ist durchzogen von Trails und Nationalparks. Ausgerechnet in diesem hochtechnologisierten, popkulturell so grellen Land ist diese etwas biedere Bewegungsbeschäftigung so populär – und der Grund dafür sollte wirklich Sex sein?
Ein paar Tage unserer Reise verbringen wir auf der südkoreanischen Insel Jeju…
Die starke Ramsteiner
erschienen in SCIENCE NOTES – 22. März 2026
November 2025: Die vielleicht muskulöseste Frau Deutschlands betritt die Kraftecke, ein kleines Fitnessstudio in der Nähe von Köln. Lena Ramsteiner trägt eine Jogginghose, ein weites Trikot und Bomberjacke. »Ich hab so Bock, mir gleich so richtig den Rücken durchzupumpen«, sagt sie und strahlt.
Ramsteiner ist eine der erfolgreichsten Bodybuilderinnen der Welt. Die Muskelfrau aus dem Schwarzwald. Gleich in ihrem ersten Wettbewerbsjahr 2019 wurde sie Deutsche Meisterin, 2020 dann Europameisterin. Seitdem dominiert sie die Showbühnen. Aber ein Titel fehlt ihr noch: Mr. Olympia, die Weltmeisterschaft im Bodybuilding. Dafür hat sie sich gerade bei einem gro- ßen Wettbewerb in Mexiko qualifiziert.
Der eigentliche Weg zu Mr. Olympia beginnt jetzt, zehn Monate vorher…
Jede Faser schreit
erschienen in DIE ZEIT – 7. Dezember 2025
Der Kampf geht erst wenige Sekunden. Christian Jungwirths Schlaghand landet krachend auf der Nase seines Gegners. Der Münchner SAP Garden bebt. Etwa 11.000 Menschen sind an diesem Novembersamstag gekommen, um dabei zuzuschauen, wie 22 Männer in elf Zweikämpfen aufeinander einprügeln, bis Schweiß und Blut spritzen, Knochen brechen oder jemand ohnmächtig wird. Das Duell Christian Jungwirth gegen Niklas Stolze ist das Highlight. Im Käfig kontert Stolze sofort auf Jungwirths Schlag. Ein Uppercut mit rechts, ein Lowkick gegen das Knie. Nach einer Minute Kampf ist die Verteilung klar: Stolze kommt über Technik, Jungwirth über Gewalt.
„Jungwirth, Jungwirth“, schreien die Menschen in der Halle. Dann landet die rechte Hand von Stolze in Jungwirths Gesicht. Satter Treffer. Er fällt um, Stolze drückt ihn auf den Boden, fest um seinen Körper geklammert. Jungwirth schlägt rudernd nach dem Kopf seines Gegners…
Yugo Nostalgija
erschienen in DIE ZEIT – 29. Oktober 2025
Vor mir steht ein Teller mit gegrilltem Fleisch, Kartoffeln und rohen Zwiebeln. Pljeskavica, ein serbisches Hackfleischgericht. Ich sitze in der Altstadt Belgrads, in der Kafana SFRJ. Kafana heißt Taverne, SFRJ steht für Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Schnaps ist hier günstiger als Salat. An der Wand hängen Fotos von Tito, er isst eine Suppe. Über mir weht die jugoslawische Flagge. Blau, weiß, rot, in der Mitte ein roter Stern mit gelbem Rand. Der Kellner stellt mir einen Šljivovica auf den Tisch, den ich nicht bestellt habe. Hier bin ich richtig. Ich bin nach Serbien gereist, um einem Gefühl nachzujagen, das mich seit Jahren begleitet: der „Yugo Nostalgija“.
Viele Menschen mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien sehnen sich nach diesem Land. In den sozialen Medien teilen sie verblasste Analogfotos von Montenegros Stränden, den Bars in Split und Belgrads Studentenleben. Yugo-Nostalgija-Accounts haben Zehntausende Follower. Doch hinter dieser digitalen Sehnsucht steckt ein Problem. Nach Jugoslawien kann heute niemand mehr reisen, es existiert nur noch in Erinnerungen, während seine einstigen Republiken Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Serbien und Nordmazedonien längst eigene Wege gehen. Wo also beginnt man zu suchen? …