Jede Faser schreit

erschienen in DIE ZEIT – 7. Dezember 2025

Der Kampf geht erst wenige Sekunden. Christian Jungwirths Schlaghand landet krachend auf der Nase seines Gegners. Der Münchner SAP Garden bebt. Etwa 11.000 Menschen sind an diesem Novembersamstag gekommen, um dabei zuzuschauen, wie 22 Männer in elf Zweikämpfen aufeinander einprügeln, bis Schweiß und Blut spritzen, Knochen brechen oder jemand ohnmächtig wird. Das Duell Christian Jungwirth gegen Niklas Stolze ist das Highlight. Im Käfig kontert Stolze sofort auf Jungwirths Schlag. Ein Uppercut mit rechts, ein Lowkick gegen das Knie. Nach einer Minute Kampf ist die Verteilung klar: Stolze kommt über Technik, Jungwirth über Gewalt.

„Jungwirth, Jungwirth“, schreien die Menschen in der Halle. Dann landet die rechte Hand von Stolze in Jungwirths Gesicht. Satter Treffer. Er fällt um, Stolze drückt ihn auf den Boden, fest um seinen Körper geklammert. Jungwirth schlägt rudernd nach dem Kopf seines Gegners…

Yugo Nostalgija

Vor mir steht ein Teller mit gegrilltem Fleisch, Kartoffeln und rohen Zwiebeln. Pljeskavica, ein serbisches Hackfleischgericht. Ich sitze in der Altstadt Belgrads, in der Kafana SFRJ. Kafana heißt Taverne, SFRJ steht für Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien. Schnaps ist hier günstiger als Salat. An der Wand hängen Fotos von Tito, er isst eine Suppe. Über mir weht die jugoslawische Flagge. Blau, weiß, rot, in der Mitte ein roter Stern mit gelbem Rand. Der Kellner stellt mir einen Šljivovica auf den Tisch, den ich nicht bestellt habe. Hier bin ich richtig. Ich bin nach Serbien gereist, um einem Gefühl nachzujagen, das mich seit Jahren begleitet: der „Yugo Nostalgija“. 

Viele Menschen mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien sehnen sich nach diesem Land. In den sozialen Medien teilen sie verblasste Analogfotos von Montenegros Stränden, den Bars in Split und Belgrads Studentenleben. Yugo-Nostalgija-Accounts haben Zehntausende Follower. Doch hinter dieser digitalen Sehnsucht steckt ein Problem. Nach Jugoslawien kann heute niemand mehr reisen, es existiert nur noch in Erinnerungen, während seine einstigen Republiken Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Serbien und Nordmazedonien längst eigene Wege gehen. Wo also beginnt man zu suchen? …

Im Gamingland

Am Abend wird der Security-Mann Ramazan an den Schultern greifen und schütteln. Als Zeichen, dass jetzt Schluss ist. Ramazan wird das Headset vom Kopf reißen, lächeln und sich sehr oft entschuldigen – dann wird er rennen. Auf Toilette, denn er war seit zehn Stunden nicht. Es gab Wichtigeres zu tun: Spikes platzieren, Gegner eliminieren, Skins kaufen. Schon morgen kann er wieder in den Kaninchenbau hinabsteigen. Wie Alice im Wunderland. Wieder für zehn Stunden Freiheit: Zehn Stunden Valorant spielen, einen Ego-Shooter, und keiner wird ihn dabei stören.

Der Eingang zum Kaninchenbau liegt am Berliner Alexanderplatz, das Wunderland im Saturn, dritte Etage: 199 Computer und Konsolen, jedes Videospiel, das es auf dem Markt gibt. Feinste Set-ups, neueste Technik. Alles kostenlos. Für Menschen wie Ramazan ist es ein Traum, für die MediaMarktSaturn Retail Group vor allem Marketing. Gamer sollen sich hier in die Technik verlieben – und sie kaufen…

Die Frau, die den Ballermann revolutionierte

Mia Julia geht auf die Knie. Sie hält mit beiden Händen das Mikrofon. Dann singt sie: „Du bist der geilste Ort der Welt / Bist unser Leben und alles was zählt.“ Die Luft ist dick, die 5000 Menschen, die sie vollgeschwitzt haben, singen weiter: „Hier an der Playa sind wir nie allein / Mallorca da bin ich daheim.“

Ein riesiger Kerl mit Deutschlandhut ext einen Maßkrug Wodka Lemon. Eine Frau im Schalke-Trikot leckt das Gesicht eines Mannes ab. Es ist 22:36 Uhr, der Tag des Mallorca-Saison-Openings. Mia Julias erster, richtiger Auftritt im Megapark, der größten Disko in El Arenal. Ein Auftritt, von dem niemand am Ballermann dachte, dass es ihn jemals geben könnte. Angekündigt wurde der Wechsel wie ein Königstransfer der Bundesliga: Mia Julia geht vom Bierkönig in den Megapark…